Auf Wiedersehen, berliner salon

    Der Berliner Salon hat sich seit seiner Gründung 2015 zu einer geschätzten Institution der Berliner Modewoche etabliert und war – wie der Name bereits impliziert – ein Ort, der in Wohnzimmeratmosphäre ein liebevoll kuratiertes Schaufenster für deutsche Designtalente darbot. Nun wurde das Aus verkündet. Was sind die Gründe? Was wird den Machern und Liebhabern am meisten fehlen? Welche Perspektiven ergeben sich daraus für den Modestandort Berlin? Wir haben bei denen, die es wissen müssen, nachgefragt…
    Berliner Salon
    Imposante Kulisse für noch imposantere Entwürfe: Die Elisabethkirche galt zuletzt als neuer Austragungsort.

    Berlin und die Mode – das war ist und wird vermutlich immer eine äußerst dynamische Wechselbeziehung bleiben. Standortwechsel, hin und wieder internationaler Feenstaub, Markenzuwachs und neue Präsentationskonzepte – der deutschen Modehauptstadt vorzuwerfen, sie würde sich nicht emsig weiterentwickeln, wäre schlichtweg falsch. Aber natürlich ist dort, wo viel Veränderung und Bewegung herrschen, auch immer viel Risiko. Nun wird der "Berliner Salon" nach der vielversprechenden Neuausrichtung der Berliner Fashion Week zur kommenden Ausgabe eingestellt. 

    Im Januar 2015 unter anderem von Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp und Nowadays-Geschäftsführer Marcus Kurz gegründet, entstand die einzige Förderinitiative dieser Art aus der Idee, deutschem Designnachwuchs ein Schaufenster zu bieten, vor allem auch denen, die sich keine großen Schauen leisten können und entwickelte sich über die Jahre hinweg zu einem der wichtigsten Formate der deutschen Modewoche. Etablierte Modelabels wie Odeeh, Dorothee Schumacher oder Lala Berlin waren Teil von ihm, aber auch zunächst unbekanntere Namen wie Maiami, Rianna + Nina oder William Fan prägten das Gesicht der Gruppenausstellung, die niemals müde war, offen zu sein und offen zu bleiben: Für neue Marken, Menschen und kreative Konzepte aus der deutschen Modelandschaft. 

    Berliner Salon
    Netzwerken at its best: Bundeswirtschaftsministerin_Brigitte Zypries und Designerin Dorothee Schumaher im Gespräch beim Januar-Salon 2018

    Inspirierende Modekreationen in Wohnzimmeratmosphäre

    Neben dem anregenden Miteinander in einer beinahe familiären Atmosphäre konnte man vor allen Dingen ein beeindruckendes Bild der Vielfalt von Design "Made in Germany" erlangen: ob Schmuck, ob Handwerk, ob Interior, ob etablierte oder progressive Modekollektion – der Salon bot stets eine inspirierende Bandbreite, der man sich aufmerksam widmen konnte, durfte und sogar sollte; ganz ohne lange Fahrtwege, lästige Szenenwechsel und lange Pausen.

    Das kam gut an in der Branche, „weil es eben so viel netter ist, erst durch hübsche Inszenierungen zu flanieren und dann im Garten mit BranchenkollegInnen ein Eis zu essen“, kommentiert etwa Kerstin Geffert, die den Berliner Salon sowohl als PR-Expertin  für u.a. Nachwuchsdesign (Silk Relations) als auch als Modeenthusiastin von Anfang an verfolgt hat.

    Berliner Salon
    Wunderschön anzusehen: Die wohlkuratierten Kollektionen im Berliner Kronprinzenpalais. Hier: Horror Vacui.

    berliner salon: Beste Absichten, schwache Ergebnisse

    So unterstützend, und wegweisend die Idee dahinter gewesen sein mag. Es geht auch bei der Berliner Modewoche vor allem ums Verkaufen – und dazu kam es leider viel zu selten: „Die Einstellung (…) ist die Folge einer realistischen Einschätzung des Marktes und seines Potentials. Unter professionellen Gesichtspunkten kann (…) das Format auf Grundlage der bestehenden Berliner Messedaten international nicht wettbewerbsfähig weiterentwickelt werden“, erklärt Marcus Kurz im offiziellen Statement zur Schließung.

    An brancheninternem Interesse hat es dem Konzept sicher nicht gemangelt, am Interesse der Entscheidungsmacher, die  den entscheidenden Unterscheid für die hiesigen Designer machen, offenbar schon. „Uns ist bewusst, dass der Markt herausgefordert ist und Zeit ein überaus kostbares Gut, aber ohne Interesse des Einzelhandels – auch nur die schiere Bereitschaft, einen Blick darauf zu werfen – muss man sich schon fragen: Was nützt das Ganze?“, bedauert auch die ehemalige Deutschland Korrespondentin von WWD und Nachwuchsförderin Melissa Drier die schwierige wirtschaftliche Ausgangslage des Konzepts.

    Berliner Salon
    Designer Dawid Tomsezwski wird das Wir-Gefühl unter seinen Kollegen vermissen. Er ist sich sicher: "Es wird weitergehen."

    UND NUN? RAUS AUS DER KOMFORTZONE, REIN IN DIE ZUKUNFT

    Warum tut sich deutsches Mode-Design insbesondere im hiesigen Handel denn eigentlich so schwer? Das kann man an dieser Stelle nur vermuten. Fest steht jedoch, dass die festen Zeitpunkte der Messen der Berlin Fashion Week angesichts konkurrierender Modeveranstaltungen in Paris oder Mailand, problematisch sind, wenn es darum geht, internationales Publikum, also relevante Einkäufer und Presse, die über Deutschland hinausgeht, anzuziehen. Natürlich stimmt die Einstellung eines solch innovativen Präsentationskonzepts wie dem Berliner Salon zunächst einmal nachdenklich, allerdings kann im sprichwörtlichen Schließen einer Tür ungemeines Potenzial für die Öffnung einer neuen entstehen: Vielleicht ist die Zeit reif für noch selbstbewusstere Mode, die die jungen Designer noch individueller und anziehender präsentieren, wenn sie sich aus der Komfortzone einer Gruppenausstellung heraus bewegen? Vielleicht gilt es, neue Ideen auszuklügeln, etablierte Termine und Strukturen zu hinterfragen und sich noch stärker an internationalen Konzepten zu orientieren, sofern man ebenjene erreichen möchte? Vielleicht ist die Zeit reif für neue Synergien, für frischen Wind und für Veränderungen, die doch stets eine der größten Stärken des Modestandorts waren. Warum nicht auch jetzt?

    betrübt bis hoffnungsvoll: das sagen experten zum Aus des Berliner Salon

    Berliner Salon
    Die Experten sind sich einig: Der Modestandort Berlin muss und wird sich verändern.

    Kerstin Geffert, Co-Founder Silk Relations GmbH

    „Der Berliner Salon diente als beliebter Branchentreff – weil es eben so viel netter ist, erst durch hübsche Inszenierungen zu flanieren und dann im Garten mit BranchenkollegInnen ein Eis zu essen. Als Grund für das Aus wird, wie schon so oft, der falsche Zeitpunkt genannt. Ich frage mich nur: Haben die traditionellen Berliner Messen dieses Problem nicht? Wieso muss nur der Berliner Salon deswegen aufgeben? Meine Vermutung ist: weil das Gros der dort gezeigten Brands von deutschen Einkäufern schlichtweg ignoriert wird und internationale Einkäufer die einzige Chance auf Erfolg gewesen wären. Mein Tipp: Vergesst diesen ganzen Wholesale-Gedanken und macht einen "Pop-up Berliner Salon" zum Gallery Weekend und zur Art Week. Da ist genug kaufkräftiges, internationales und bestgekleidetes Publikum in der Stadt. Und der Berliner Salon soll sich als digitale Plattform neu erfinden. Wir starten im Juli die German Digital Days – da geht doch noch was!“

    Otto Ehrlich und Jörg Drögsler, Odeeh

    „Der Berliner Salon war kein Showroom, keine klassische Messe, kein Show-Format, sondern einfach Bühne und Visuelle Plattform. Jungdesigner neben etablierten Kollektionen; hier konnte man die breite Landschaft deutschen Modedesigns anschauen! Dieses Forum wird es so sicher nicht mehr geben. Das ist sehr bedauerlich, weil es zunächst einmal alternativlos bleiben wird. Berlin war immer erste Orientierung für uns und viele unserer Kunden – diese Vorstufe für uns wird es nun nicht mehr geben. Was das für die Zukunft bedeutet, wissen wir nicht, sicher aber wird sich jeder von uns künftig stärker auf eigene Darstellungsformen besinnen. Dies kann in dem einen oder anderen Fall sicher von Vorteil sein, aber ein solch geballtes Forum wird in Berlin sicher fehlen.

    Melissa Drier, Berlin fashion expert and former German correspondent for WWD

    "Zunächst einmal ein großes Dankeschön an Christiane Arp für die Initiierung des Vogue Salon, und respektive an Marcus Kurz für den Berliner Salon, die darauf abzielen, Designtalent Deutschlands hervorzuheben und zu unterstützen. Dies hat zwar ein Gefühl von Stolz und Gemeinschaft unter den Mode- und Design-Anhängern erschaffen, jedoch blieben die Einzelhändler bis auf wenige Ausnahmen das fehlende Bindeglied. Uns ist bewusst, dass der Markt herausgefordert und Zeit ein überaus kostbares Gut ist, aber ohne Interesse des Einzelhandels – auch nur die schiere Bereitschaft, einen Blick darauf zu werfen – muss man sich schon fragen: Was nützt das Ganze? Wie das Sprichwort besagt, können Sie zwar ein Pferd zum Wasser führen, aber Sie können es nicht zum Trinken bringen. Willkommen in trockenen Zeiten, kann ich da nur sagen! Es ist eine Mode-Wüste da draußen, aber es scheint, als würden sich Einzelhändler und Verbraucher mit dem gleichen alten Sand zufriedengeben."

    Lisa Riehl, Freelance Fashion Editor und Newcomer-Expertin

    „Der Berliner Salon ist als Initiative gestartet, deutsches Modedesign während der Berlin Fashion Week unter einem Dach zu versammeln. Das ist in den ersten Saisons auch sehr gut gelungen, hat die Modewoche zum Ende hin aber nicht mehr bereichert, sondern gespalten: Viele Designer haben keine Modenschauen oder Präsentationen mehr veranstaltet – sicherlich eine Geldfrage, trotzdem hat es der Fashion Week an Substanz genommen. Die von der Mercedes-Benz Fashion Week getrennte Schedule muss die ohnehin wenigen internationalen Gäste noch mehr verwirrt haben als die heimischen. Ich hoffe, das Ende des Salons birgt eine Chance für eine lebendigere Fashion Week Berlin mit mehr Schauen, die die deutsche Modewoche für Gäste so attraktiv macht wie aufstrebende Fashion Weeks in Tiflis oder Kopenhagen. Dass Potenzial da ist, hat der Berliner Salon zumindest bewiesen.“

    Kiki Albrecht, Creative Communication Consultant für u.a. William Fan, Andy Wolf Eyewear, KaDeWe Berlin, Aeyde, Rianna+Nina

    „Ich bedauere die Einstellung des Berliner Salon persönlich sehr, denn es war für Deutschland eines der ersten unabhängig kuratierten Programme für ein breiteres Branchenpublikum, das Institutionen wie die Fédération in Frankreich oder dem British Fashion Council nahekam. Hier haben sich Designer, Presse, Einkäufer und Meinungsmacher getroffen – in puncto Netzwerken und Öffentlichkeitsarbeit für neues Modedesign aus Deutschland hat das Konzept sicher viel bewirkt. Nachwuchsdesigner William Fan, den ich für den Salon betreut habe beispielweise, hat hier eine dankbare Plattform bekommen und konnte sich dadurch ein Business auf dem deutschen Markt aufbauen. Der Austausch, das gewachsene Netzwerk und das Miteinander darf jetzt nicht abbrechen, man muss nun gemeinsam überlegen wie man das, was man aufgebaut hat, in neuen Konzepten weiterentwickelt werden kann – dazu gehören eine Potion Mut und Arbeit.“

    Dawid Tomaszewski, Modedesigner

    „Ich werde vor allem die Gemeinschaft vermissen. Diesen Ort, an dem die Vielfalt an Talent, die in Deutschland schlummert und dem internationalen Markt auf Augenhöhe begegnet – dieses Kollektive „Hey, da sind wir!“ Als ich damals als Jungdesigner angefangen habe, hat mich Christiane Arp als Schützling aufgenommen und ich hatte das große Glück seit Stunde Null Mitglied des Salons sein zu dürfen. Ohne großen finanziellen Druck konnte ich damals noch als relativ unbekannter Designer, die Awareness für mich und meine Marke steigern. Ohne diese Plattform müssen wir Designer nun reflektieren, umdenken und Eigeninitiative zeigen – eine große Chance für neue Konzepte und Präsentationen. Ich würde mir wünschen, dass das Gemeinschaftsgefühl der Industrie noch stärker wird und wir Deutschland als internationales Epizentrum aufbauen.“

    Text: Vanessa Pecherski

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