Das neue Modesystem: Textildesignerin Nadine Göpfert im Portrait

    In Zeiten, in denen Kleidung in vertikaler Kette als Wegwerfartikel fungiert und die Passform gesellschaftliches Ansehen definiert, gilt auch die Mode vielmehr als Fessel denn als Instrument zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Mit ihrem Projekt „Pedestrian“ gestaltet Textildesignerin Nadine Göpfert nun eine neue Designethik, die den aktuellen Stand der industriellen Produktion in Frage stellt. Über eine Berlinerin, deren Arbeit die Grenzen des eigenen Ästhetik-Horizonts sprengt.
    Nadine Göpfert
    Credit: David Bornscheuer

    Zwischen Mode und Mensch 

    Nadine Göpfert stammt aus einem kleinen Dorf in Franken, studierte Textildesign an der renommierten Kunsthochschule Weissensee Berlin sowie Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Ihre Objekte, die aus dem Raster jeglicher Konventionen brechen, entwirft die Wahlberlinerin in ihrem Studio in der Nähe des Kurfürstendamms. Reine Ästhetik rückt in ihren Entwürfen in den Hintergrund, vielmehr werden soziokulturelle Hintergründe hinterfragt. Ihre Inspiration zieht die Künstlerin dabei aus ihren Beobachtungen und der Philosophie, die für ihre theoretische Recherche wertvolle Quellen liefert. Anschließend wird das Material untersucht. Hier steht vielmehr die Optik und Haptik im Vordergrund, als das reine Textil. Ihre Kunst, als Grenzwerk zwischen Forschung, Kunst und Design präsentiert Göpfert vorwiegend in Form von Ausstellungen und Installationen. Mode – Mensch, Handlung – Haltung, Interaktion – Individuum: Nadine Göpfert ist Beobachterin und lässt den Betrachter nach der Fertigstellung ihres Werk aus einem neuen Blickwinkel auf die Mode blicken.

    Nadine Göpfert
    Nadine Göpfert, Credit: Ana Santl
    Nadine Göpfert
    Credit: David Bornschauer

    Das neue Größensystem 

    Turtleneck-Pullover aus reiner Merinowolle, Paper Bag Pants, der karierte Anzug oder das gestreifte Hemd, das in mühevoller Handarbeit 130 Stunden lang gewebt wurde: In ihrer neuesten Arbeit „Pedestrian“ zeigt Göpfert Mode, die recht minimalistisch anmutet. Doch eines sticht bei der Kollektion hervor, die sowohl von Männern als auch Frauen getragen wird. Sie existiert nur in den beiden Größen „loose“ und „fit“. Ihre erste Kollektion mit dem Namen „Basic Fit“ entwickelt ein vollkommen neues Größensystem für Mode, die die individuelle Form des Individuums berücksichtigt – statt den Gesellschafts- und Geschlechterkonventionen zu folgen. Ihr Ziel: Ein alternatives Modell zum gängigen numerischen Standardgrößensystem: „loose“ und „fit“. Beide Varianten sind auf unterschiedlichste Körperformen abgestimmt und werden gleichzeitig aus der gleichen Materialmenge hergestellt. Der Unterschied in Größe, Breite und Länge wird lediglich durch den Einsatz verschiedener textiler Verarbeitungsverfahren erreicht. Die Kollektion behandelt damit alle Körpergrößen unparteiisch und wertfrei. Als Träger entscheiden wir uns schließlich für unser bevorzugtes Gefühl von Distanz – ob „loose“ oder eben „fit“.

    Nadine Göpfert
    Credit: David Bornschauer

    Gegen die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des eigenen Körpers und Größe des Kleidungsstücks. Nadine Göpfert schafft eine vollkommen neue, körperpositive Perspektive und einen kritischen Diskurs über die Uniformierung unserer Gesellschaft.Wenn man so will: eine Entfremdung, ein Umdenken und vorallen Dingen ein Bewusstwerden der alltäglich gewordenen Absurditäten unserer überästhetisierten (Mode-)Gesellschaft.

    Text: Stefan Franken

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