First and last and always: Die klare Identität des Lutz Huelle

    Der Deutsche Designer ist verwurzelt in seiner Arbeit, stabil in seiner DNA und sorgt für frische Sauerstoffzufuhr in der Modebranche. Seine Wurzeln in Remscheid haben ihn gelehrt, was es bedeutet bescheiden zu sein und sich mit einem uninspirierenden Alltag zu arrangieren, daher rührt auch die Offenheit für Neues, die Sympathie für alles was anders ist und sich anders anfühlt – und das sieht man seinen Kollektionen deutlich an. Sie sind ehrlich, offen und inspiriert.
    Lutz Huelle
    Lutz Huelle SS19, Foto: Imaxtree

    Der Avantgardist und Misfit

    Er zog von Remscheid, nach Köln, nach Hamburg um schließlich 1992 in London an der Central Saint Martins Modedesign zu studieren. Nach seinem Studium zog er 1995 weiter nach Paris, um dort drei Jahre an der Seite von Martin Margiela zu arbeiten, der zu diesem Zeitpunkt noch ein Geheimtipp war.

    Die Zusammenarbeit mit Margiela beschaffte ihm Kontakte und das notwendige Know-how für die Branche und verhalf ihm nicht zuletzt als ernstzunehmender Modedesigner durchzustarten. Der richtige Durchbruch kam jedoch erst über die vergangen drei Jahre. Mit dem Hype um die Abkehr der klassischen Prêt-à-Porter Kollektionen hin zur rotzigen Rekonstruktion von Streetwear zu einem Luxusprodukt. Vetements und Balenciaga an erster Front, die oft wie eine Hommage an die (frühen) Arbeiten des nordrheinwestfälischen Designers wirken und es vielleicht insgeheim auch sind: Lotta Volkova, die Stilistin und der kreative Kopf hinter beiden Modehäusern, hat ebenfalls an der Central Saint Martins studiert, wo Huelle seit 1995 regelmäßig als Gastdozent fungiert. (Connect the dots)

    Während heutzutage auf seinen Shows laut Beifall geklatscht wird, haben Anfang 2000 nur Wenige seine Arbeit verstanden, was dazu geführt hat, dass der Deutsche Designer ganze drei Saisons aussitzen musste. Er blieb trotzdem ein Geheimtipp, für eingefleischte Kenner, die sich in ihm und seinen Entwürfen wiederfanden. Zu diesem Zeitpunkt war er sogar ein Enfant Terrible des Prêt-à-Porter, der groteske Stoffe aus ihrem normalen Kontext zu reißen wusste. Dabei markiert ein Stück von 2001einen Höhepunkt seiner Arbeit: das Handtuchkleid.

    Dekontextualisieren: Von der Kunst festgefahrene Huellen fallen zu lassen 

    Ein Handtuch ist ein Handtuch und wird im Alltag auch als solches erkannt und benutzt. In ein Handtuch wickelt man seinen nackten Körper und trocknet ihn ab - es ist ein recht intimer Moment. Diese Intimität samt funktionalem Stoff stilisierte Huelle kurzerhand zu einer Abendgarderobe mit zwei Satinhängern um. Getragen zu einer Abendgala von seiner Remscheider Jugendfreundin, der Künstlerin Alexandra Bricken, die an diesem Abend, leicht aus dem Kontext gerissen, sofort aus der Masse der Haute-Couture-Trägerinnen herausstach. Definitiv ein Moment an den sich Lutz Huelle immer noch gerne zurückerinnert. Schließlich schafft es das knappe Handtuchkleid auch auf den Körper von Kate Moss und ins Purple Fashion Magazine, fotografisch festgehalten von keinem geringeren als Juergen Teller natürlich.

    Jacken: Archetypen zum Anfassen

    Fernab des Handtuchs sind es Jacken, die Lutz Huelle faszinieren. Er mag Archetypen, wie zum Beispiel Smokingjacken, Businessjacketts und vor allem Bomberjacken. Er mag diese Archetypen deswegen, weil er sie bis ins kleinste Detail auseinandernehmen kann, um sie dann in einen neuen Kontext zu setzen. 2018 wurden seine Jacken applaudiert und landen auf dem Cover der Vogue Portugal. Sie sind cool und schlicht, mit klarem Schnitt und dennoch imposant. In jedem Fall aber alltagstauglich und praktisch – das ist ihm wichtig.

    Die Playlist seiner SS2019 Show in Paris unterstreicht seine Stoffauswahl bestehend aus Denim, Spitze, Brokat und Seide - ein wilder Mix, der aus Brüchen besteht, aber im Kontext absolut schlüssig ist. Sie besteht aus Queen gefolgt von einer kleinen Klaviersonate, übergehend in Alice Cooper, durchbrochen von dem R’n’B Hit ‚I’m a survivor’ von Destiny’s Child und endet mit ‚Science Fiction’ von The Misfits. Die Musik spielt eine große Rolle bei Huelle, seine Songauswahl sorgt für die gleichen Brüche, die man in seinen Kollektionen wahrnimmt. Schlussendlich formen aber alle Refrains der Playlist einen neuen Text, der Huelles Geschichte und die seiner Kreationen fortführt.

    DER „OVESLEEVE“

    Seine neuste Kreation sind die übergroßen Ärmel, die „Oversleeves“, wie er sie liebevoll in seinem Blog bezeichnet. Diese werfen indes bei Conaisseuren von Huelles Design grundlegende Fragen auf: Nähert sich Lutz Huelle mit den übertriebenen Ärmeln etwa genau den Designern an, von denen er sich zu Anfang seiner Karriere so klar distanzierte? Das Bauschige eines Balmain etwa oder dem Dramatischen eines Mugler oder dem übersexualisierten Versace.

    Die Antwort darauf lautet: Nein. Tut er nicht. Große Ärmel sind komfortabel und stehen jeder Frau, auch denen die etwas größere Arme an ihrem Körper tragen. Es hat einen praktischen Ansatz, aber natürlich auch einen Überraschungseffekt, erklärt er in einem Interview mit dem französischen Sender TV 5 Monde. In seiner Mode geht es viel um Identität und die Frage dahinter lautet: Wer ist diese Person und was trägt sie? Es geht um die vielen Facetten einer einzelnen Identität, die je nach Kontext anders wirkt und sich nicht auf den ersten Blick erschließen - oder gar deuten lässt.

    Die Person, die Lutz Huelle Designs trägt, ist offen und neugierig. Sie ist auf den ersten Blick überraschend und auf den zweiten Blick interessant - vor allem ist sie aber eines: ehrlich und authentisch. Wie Lutz Huelle selbst.

    Copyright: lutzarchives/Lutz Huelle

    Die Lutz Huelle DNA

    Er arbeitet bodenständig, möchte praktische Mode entwerfen, für diejenigen, die er kennt. Es geht um die Nähe zum Alltag, hochwertige Stoffe auch für langweilige Alltagssituationen greifbar zu machen. Mode zu einer unaufgeregten Notwendigkeit zu stilisieren und dennoch zu überraschen. Dabei überrascht sich Lutz gerne selbst, wächst stets über sich hinaus, ab diesem Jahr dann auch als Creative Director für das spanische Modehaus Delpozo.

    Text: Deborah Roth

    Diese Beiträge könnten dich auch noch interessieren