Der Hype um Solange Knowles neues Album

    In der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März droppte Solange Knowles, die früher vielen nur als „Beyoncés kleine Schwester“ bekannt war, ihr neues und nunmehr viertes Album „When I get Home“ und knüpft scheinbar mühelos an den Erfolg von „A Seat at the Table“ von 2016 an.
    Solange Knowles

    Nach ihrer Nummer 1 Album Platzierung vor drei Jahren und einer darauffolgenden Grammy Auszeichnung, wartete die Musikbranche sehnlichst auf das Folgewerk der 32-jährigen Sängerin, die sich laut zeit.de als „musikalisch weitaus interessanter als ihre Schwester Beyoncé“ erweist. Interessanter vielleicht, weil Solange eine experimentellere, wenn nicht sogar noch nie dagewesene, eigenständige Musikerin unserer Zeit ist, die beweist, das politisch-gesellschaftliche Erlebnisse, Kritiken oder harsche Wahrheiten deutlich, aber nicht aggressiv kommuniziert werden müssen. Längst gilt sie als Galionsfigur vieler Afroamerikaner und einer avantgardistischen R’n’B-Welle, die sich zart anhört, aber hart mit der Welt ins Gericht geht.

    DER SOUND DES NEUEN ALBUMS

    Apropos: Solanges Falsette klingt gewohnt zart, ab und zu zittrig, was den Sound ungewöhnlich echt macht und die träumerische Poesie, die mit ihrer Musik einhergeht, ebenso authentisch, aber oberflächlich gesehen, auch leicht verdaulich macht – und das, obwohl sie abermals viel persönliches in ihren Songs verarbeitet. Dabei wirkt sie in ihrem vierten Album weniger verletzlich, selbstbestimmter, reifer. Sie singt von Identität und den Kontrasten der (US-amerikanischen) Gesellschaft.
    Insgesamt 19 Songs sind auf dem Album zu finden, darunter 13 Lieder, fünf Zwischenspiele und eine Pause. Und dennoch braucht man nur knapp vierzig Minuten, sich das Gesamtwerk von vorne bis hinten anzuhören, denn die Tracks dauern durchschnittlich zwei bis maximal drei Minuten. Solange Knowles setzt demnach weniger auf einzelne Super Hits, sondern vielmehr auf ein ganzheitliches Konzept, das sich eben auch erst als solches entpuppt, wenn der Zuhörer sich die Zeit nimmt, „When I get Home“ durchzuhören. Die Titelnamen sind dabei kleine Referenzen an Houston, Texas – Solanges Heimatstadt. So ist „S McGregor“ eine Nachbarschaft in Houston, „Beltway“ wahrscheinlich die Autobahn Highway 8, die durch die Stadt führt, während es sich bei „Almeda“ (produziert von Pharrell Williams) um das Almeda Stadtgebiet handeln könnte.

    AKUSTISCHE TRIFFT AUF VISUELLE KUNST

    Mit ihrer Schwester hat sie vor allem die musikalischen Erfolge, den Zuspruch gemein. Doch auch den Hang zu außergewöhnlichen Kurzfilmen, die die musikalische Darbietung begleiten und untermalen, teilen sich die Power-Schwestern. Zu „When I get Home“ gibt es auf Apple Music einen 30-minütigen Film, der vor Kreativität nur so strotzt, sodass man erst dann bemerkt, wie selten man visuell gelungene Videos – egal ob kurz oder lang – heutzutage noch zu Gesicht bekommt. Die Kulissen wechseln ebenso schnell, wie die Tracks auf ihrem Album und bewegen sich mal in gewaltigen Kulissen, mal in geschlossenen, kleinen Räumen. Dabei fällt eine Sache nach nur wenigen Songs schnell auf: Zentrales, repetierendes Bild ist der Kreis; Kreisbewegungen, wenn man es genauer nimmt. Seien es die Tänzer, die im Kreis gehen oder im Kreis tanzen, Cowboys, die ihr Lasso schwingen oder die zwölf DeLoreans, die im Kreis aufgestellt sind. Interpretationsmöglichkeiten dafür gibt es viele, es könnte aber auch lediglich ein willkürlich ausgedachtes, wiederkehrendes Element für die visuellen Rhythmus sein, doch man muss Solange Knowles Arbeit noch nicht lange verfolgen, um zu wissen, dass diese Frau nichts willkürlich macht.

    Der Hype um ihr neues Album ist jedenfalls real, denn während sie uns mit ihrem Look, ihrer Eleganz und ihrer ruhigen Entschlossenheit nostalgisch an Musikikonen der 1970er erinnert, ist sie zugleich ihrer Zeit voraus und überrascht uns mit einem faszinierenden und zugleich wohltuenden laissez-faire. Ob sie das genauso sieht und deshalb den unverkennbaren und damals futuristischen DeLorean aus den „Zurück in die Zukunft“ Filmen gewählt hat, ist dabei reine Spekulation.

    Text: Cheryll Mühlen

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