Homecoming – Die Kontroverse um Beyoncés Dokumentation

    Boom! She did it again. Beyoncé überraschte Mitte April mit einer Netflix Dokumentation namens „Homecoming“ und droppte ganz nebenbei das dazugehörige Live Album. Doch während die einen sie dafür glorreich feierten, sahen die anderen in ihr Fehler und falsche Vorbilder.
    Homecoming – Ein Film von Beyoncé

    QUEEN BEY IST ZURÜCK

    Als Beyoncé 2018 ihr Bühnencomeback ausgerechnet auf dem Coachella Festival feierte, wussten alle: Das wird eine denkwürdige Show! Allein aus dem Grund, weil die Sängerin, seit dem Coachella-Debüt in 1999, die erste schwarze Headlinerin war, die das kalifornische Über-Festival leitete – eine für sie karriereprägende Erfahrung. Doch die Erwartungen würden groß sein, das war ihr bewusst – und das nach nur knapp einem Jahr der Zwillingsgeburt.
    Die Netflix-Dokumentation „Homecoming“ zeigt simultan den Ablauf des legendären Konzerts und den harten Proben in den acht Monaten davor – immer genau bis dorthin, wo Beyoncé uns als Zuschauer haben möchte: nicht zu nah, nicht zu fern. Doch genau darin liegt für einige das Problem: Eine Dokumentation sei dies nicht, vielmehr eine Konzertshow, mit perfekt inszenierten Privatmomenten. Und dann ist da auch noch diese Diät. Aber eins nach dem anderen…

    TOO MUCH BEYCHELLA?

    Wie gesagt: Acht Monate harte Proben führten zu diesem fulminanten „Beychella“ Homecoming Konzert. Bewacht, erdacht und produziert von Beyoncé selbst, stellte das gesamte Team eine Show auf die Beine, die man nicht so schnell vergessen sollte – auch im Hinblick auf das politisch-gesellschaftliche Manifest, dass diese Show darstellte. Beyoncé lehrt ihr Publikum und zeigt ihm die Schönheit der schwarzen Kultur. Sie verdeutlicht, welches Erbe von historisch schwarzen Colleges und Universitäten es zu bewahren und zu fördern gilt. Sie feiert ihre Kultur, sie ist stolz auf ihre Kultur und sie repräsentiert ihre Kultur, schenkt ihr die buchstäblich große Bühne. 
    Perfektionismus ist angesichts dieser Thematik sowie der Größe und Bedeutung dieser Show angemessen, wenn nicht gar notwendig, denn eine imposante Marching Band, Background-SängerInnen, TänzerInnen, Bühneneffekte, Bühnenoutfits und das musikalische Set-up eines solchen 140-minütigen Mammut-Projekts beisammen zu halten, ist keine leichte und sicherlich auch keine leichtfertige Aufgabe. Dass am Ende jeder Schritt beider Auftritte, vom ersten und zweiten Wochenende, so sitzt, das sie auf die Millisekunde genau zusammengeschnitten werden können, sodass man es nur an den unterschiedlichen Kostümen erkennt (Show 1: gelber Hoodie, Show 2: pinker Hoodie), ist das Resultat von harter Arbeit, Harmonie und einer starken Gemeinschaft. Und genau davon schwärmt Beyoncé im Voice-over. Doch genau darin sehen Kritiker Fehler und falsche Vorbilder. Warum?

    PRETTY HURTS

    Beyoncé ist vieles – talentiert, sexy, stark, erfolgreich, perfektionistisch und ja, sie ist auch geheimnisvoll. Seit über 20 Jahren ist sie ein prägender Teil der Musikindustrie, setzt stets, beinahe nonchalant, neue Maßstäbe und möchte diese kurzerhand wieder neu definieren. Wenn dann auch noch die ganze Popkultur mit kritischem Blick auf einen schaut und sehnsüchtig auf den nächsten Coup wartet, auf das nächste heiße Album, das nächste sexy Outfit, kann der Druck übermenschlich groß sein.
    Fast 100 Kilo wog sie nach ihrer Zwillingsschwangerschaft. „I was 218 pounds the day I gave birth. I had to rebuild my body from cut muscles. What people don’t see is the sacrifice“, sagt sie. Beyoncé musste fortan auch an ihrem Körper härter arbeiten, als jemals zuvor. Während ihrer Diät für die „Homecoming“-Vorbereitungen war ihr vieles untersagt, darunter Brot, Zucker, Fisch, Fleisch, Alkohol… Viele mögen jetzt die Augen verdrehen und sich fragen, ob das wirklich notwendig sei, doch Beyoncé Giselle Knowles-Carter, Weltstar hin oder her, ist am Ende auch nur eine Working-Mom und es ist ihr Job, als Beyoncé auf die Bühne zu treten und ihrem Ruf gerecht zu werden.

    Doch die harte Arbeit machte sich bezahlt: In einem der wohl privatesten Clips dieser Dokumentation, passt die 37-Jährige wieder in ein altes Bühnenkostüm von vor der Schwangerschaft und zeigt es stolz – via Face Time –auch ihrem Mann Jay-Z. Für einige Doku-Kritiker war dies Anlass genug, darin einen Moment der Kontroverse zu sehen. Beyoncé, die starke Powerfrau will am Ende doch nur ihrem Mann im Kleid gefallen?

    COMING HOME

    Heruntergebrochen steht dort eine Frau, die es sich hart erkämpft hat, wieder in jenes Bühnenoutfit zu passen, sich wieder wie sie selbst zu fühlen, und die diesen Moment mit ihrem Ehemann teilen möchte – der sich, zugegeben, wenig begeistert gibt, aber das ist auch nicht das, was zählt. Was zählt ist, dass sie inmitten dieser überdimensionalen Verantwortung, einen kleinen Triumph für sich erlangt hat, der sie mit Stolz erfüllt und daran ist nichts verwerflich. Im Gegenteil: Ihr vorzuwerfen, sie würde sich selbst verraten, weil sie ausschließlich ihrem Mann gefallen will, ist schlichtweg falsch. Beyoncé ist in „Homecoming“ die Performerin, die Organisatorin, die Kreateurin, aber auch die Mutter, die wieder zu sich selbst finden musste, indem sie sich eingestand, dass sie sich verändert hat und dass das okay ist. „I definitely pushed myself further than I knew I could“, sagt sie im Voice-over und ergänzt: „I will never, never push myself that far again.” Es scheint jedenfalls, als sei Beyoncé in einer Zeit von Skandalen, Reality Stars und privaten Instagram-Posts für einige Menschen zu undurchsichtig, zu perfekt, sodass ein menschlicher Moment, wie der einer Frau, die sich selbst etwas bewiesen hat und wieder in ein Bühnenkostüm von vor ihrer Schwangerschaft passt, zum Sinnbild falscher Vorbilder mutiert. Oder wie Beyoncé sagen würde: „You know you that bitch when you cause all this conversation.“

    Text: Cheryll Mühlen   

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