@diet_prada: Warum die Social Media Police die Modebranche mächtig aufrüttelt

    Über eine Million User folgen @diet_prada auf Instagram. Das erklärte Ziel der selbst ernannten Social Media Police war es stets, Designer und Marken beim schamlosen Abkupfern zu entlarven. Nachdem die Macher enttarnt wurden und sich Mitte des Jahres offiziell geoutet haben, werden die News und Machenschaften, die das Duo mitsamt seiner Community aufdeckt, zunehmend zum Politikum.
    Diet Prada
    Saint Laurent HW16 vs. Celine FS19

    Die Grenzen von ‚Inspiration’

    Alexander Wang tut es. J.W. Anderson tut es. Rihanna tut es. Und Dolce & Gabanna tun es auch. Sie alle kupfern für ihre vermeintlich individuellen kreativen Visionen bei anderen Designern und Marken ab. Dass Kreativität von Inspiration lebt, ist hinlänglich bekannt. Dass Designer das Rad mit ihren bis zu 30 Kollektionen, für die sie sich jährlich verantwortlich zeichnen, nicht neu erfinden, ebenso. Noch nie allerdings, wurde dieses ungeschriebene Copycat-Gesetz der Mode so öffentlich, unmissverständlich und furchtlos an den Pranger gestellt, wie von dem berüchtigten Instagram-Account Diet Prada.

    Dahinter steckt das Duo aus den Design-Kollegen und selbsternannten ‚fashion addicts’ Tony Liu und Lindsey Schuyler, dessen Identität durch das Onlinemagazin ‚The Fashion Law‘ im Oktober letzten Jahres aufgedeckt wurde. (Das erste offizielle Interview folgte dann Mitte diesen Jahres) Wie die Idee dazu kam? Beim Durchklicken unzähliger Bilder-Galerien von Fashion Shows entdeckten die Mode-Detektive ständig Referenzen an alte Kollektionen und ließen die Social Media Welt kurzerhand Teil daran haben. Ob nun ein ganzer Look, ein Accessoire, lediglich ein Detail, eine Kampagne oder gar eine ganze Kollektion – mit beeindruckendem Fachwissen, einer Menge bissigem Wortwitz und einer großen internationalen Community, ist das Hobby mittlerweile zu einer relevanten kritischen Instanz der Modebranche avanciert.

    Liu: "Ich meine, im Grunde folgt jeder große Profi der Modebranche."
    Diet Prada
    Balenciaga FS18 vs. Wooyoungmi FS19

    Zwischen Plagiaten und Rassismus: Die Social Media Police übersieht nichts

    Man könnte sich fragen, warum der Account in diesem Jahr, rund vier Jahre nach Gründung, förmlich durch die Decke geht. Nun, die Antwort darauf liegt förmlich auf der Hand: Social Media ist ein denkbar dankbarer Schauplatz für das Entlarven besonders dreister Diebstähle, da er Unmengen an Zuschauern und somit auch einen enorm großen Wirkungskreis bereithält – kritische und meinungsstarke Individuen inklusive. Neben Transparenz und Unterhaltung widmen sich die Macher des Accounts seit letztem Jahr auch zunehmend politischen und gesellschaftsrelevanten Themen, die offenbar auch vor den Kulissen der Modeindustrie keinen Halt machen.

    Wir sind bloß zwei Menschen mit einer Meinung.

    Victoria’s Secret musste jüngst viel Kritik für die Transgender-Äußerungen des Marketing-Chefs Ed Razak einstecken. Gucci kam an den Pranger, weil Alessandro Michele Turbane der Sikh-Anhänger als Accessoire auf dem Laufsteg zeigte. Und Dolce & Gabbana wurde Anfang des Monats (berechtigtes) Opfer eines Shitstorms, welcher die italienische Marke mitsamt der regen Beteiligung der chinesischen und internationalen Community unter dem Hashtag #DGTheShitShow ordentlich ins Schwitzen brachte.

    Diet Prada
    Gucci HW18

    Geistiges Eigentum, Rassismus, Gleichberechtigung, kulturelle Vielfalt und Kommunikation im Netz – die Themen, die Diet Prada von parodistisch bis investigativ aufbereitet, könnten relevanter kaum sein. Insbesondere in einem Raum und einer Zeit, in denen Originalität im Netz der zunehmenden Begriffs-Inflation zum Opfer fällt. Was als belangloser Zeitvertreib von zwei Mode-Enthusiasten begann, trägt mittlerweile maßgeblich dazu bei, die Schattenseiten der Branche aufzudecken. Und vielleicht auch nachhaltig Veränderungen zu initiieren? Vielleicht. Fest steht: Der Account ist mittlerweile eine veritable Plattform für eine Community mit einer Stimme, die gehört werden will – sowohl im Netz, als auch im realen Leben.

    Text: Vanessa Pecherski

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